Mit diesem Märchen habe ich beim AKUT 2019 Wettbewerb einen Sonderpreis gewonnen:

Es war einmal………..

„Ja es war einmal….Himmel Herrgottnocheinmal….das war einmal!“, schimpfte der Froschkönig. Die Krone ein wenig schief auf den Kopf, schon etwas abgeblättertes Gold. „Es muss sich etwas ändern, sonst können wir überhaupt zusperren!“

„Na, na, was bist du heute so missgelaunt? Ist dir etwas über die Leber gelaufen, oder ist die Prinzessin wieder nicht gekommen?“, fragte Hänsel. „Ja, alles läuft aus den Rudern. Keiner hält sich mehr an seine Rollen. Wo kommen wir denn hin?“, fragte sich der Froschkönig traurig. „Ich werde eine Generalversammlung einberufen! Ja, das werde ich! Großmarschall schreib sofort auf: Morgen treffen sich alle Märchengestalten um 18 Uhr am Brunnen des Froschkönigs. Sehr wichtige Besprechung, es gibt keine Entschuldigung!“ Der Froschkönig setzte seine Unterschrift darunter und beauftragte den gestiefelten Kater, das Schreiben im ganzen Märchenland zu verteilen.

„Wie soll ich das bis morgen schaffen?“, fragte der keck zurück. „Meine Stiefel haben Löcher. Ich habe keine Zeit mir Büffelleder zu besorgen, oder zum Bärenhäuter zu gehen.“ „Dann zieh dir deine lächerlichen Stiefel aus und lauf so, du eingebildeter Kerl!“, befahl der Froschkönig. „Früher machtest du das auch.“ „Ja, es war einmal.“ „Schluss! Aus! Sonst kommt der Knüppel aus dem Sack!“, schrie der Froschkönig und der gestiefelte Kater schlich sich von dannen.

Eine Hexe kam des Wegs. „Guten Tag Froschkönig“, begrüßte sie ihn höflich. „Hast du meinen Prinzen irgendwo gesehen?“ „Den von Schneewittchen?“, fragte er nach. „Ja, diesen schönen Jüngling will ich mir angeln.“ „Der ist doch vergeben. Und ich bin mir nicht sicher, ob das ein guter Fang ist. Ständig sitzt er beim Frisör, bei der Kosmetik. Seine Schönheit lässt auch schön langsam nach. Er will es nicht wahrhaben!“ „Ich will meinen Spiegel befragen, wer hier der Schönste im ganzen Land ist.“ „Die Schönste wolltest du sagen.“ „Das ist keine Frage, sieh mich an. Die paar Warzen lasse ich mir wegoperieren und dann brauche ich diesen Spiegel nicht mehr. Er ist inzwischen fast blind und man kann kaum noch jemanden erkennen.“ „Lass es sein, da kommen die sieben Zwerge.“

Diese flüsterten atemlos: „Ist Schneewittchen in der Nähe?“ „Nein, nicht gesehen“, sprach der Froschkönig ärgerlich. „Habt ihr etwas zu Essen lieber Froschkönig? Bei uns gibt es immer nur Grießbrei!“, riefen die 7 Zwerge. „Uns hängt er schon bei der Zipfelmütze raus!“

Inzwischen tanzte Rumpelstilzchen an und sang ganz laut in den Morgen: „Ach wie gut das niemand weiß.“ Er stockte. „Ach ich habe meinen Namen vergessen.“ „Rumpelstilzchen“, halfen die 7 Zwerge aus. „Ja, stimmt. Ach wie gut das niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß. Warum haben mich meine Eltern nicht einfach Karl oder Heinz getauft, das könnte ich mir leichter merken.“

„Ich kann dich trösten liebes Rumpelstilzchen. Ich finde auch oft mein Hexenbuch nicht. Dauernd verlege ich es mir oder noch schlimmer: Letztens habe ich aus Versehen der Frau Holle einen Knaben als Hilfe gehext. Die hat vor Schreck fast einen Herzinfarkt bekommen.“

„Ihr 7 Zwerge, wo seid ihr“, hörte man aus der Ferne lockend rufen.

„Wo können wir uns verstecken?“, fragten diese ängstlich.

„Ich habe euch leckeren Grießbrei gekocht. Wo seid ihr?“ „Schnell, die 7 Geißlein sind noch nicht zu Hause. Versteckt euch bei ihnen.“, riet ihnen Hänsel. „Oder in meinen Stall!“

„Was, die sind noch nicht zu Hause?“, wollte die alte Hexe wissen. „Diese Pubertät. Ich bin mir sicher, die feiern im Schloss auf dem Ball. Die treiben es ganz schön wild. Bald werden sie zertanzte Schuhe haben, was machen sie dann?“

„Da lobe ich mir Aschenputtel, die läuft vor Mitternacht nach Hause. So ein wohlerzogenes Kind müsste man haben.“, meckerte der Schneider, der gerade mit seiner Ziege eine saftige Wiese suchte. „Meine Söhne sind allesamt zu überhaupt nichts zu gebrauchen. Diese Kinder, diese Kinder. Da mühst du dich als alleinerziehender Vater ab und was ist der Dank? Nicht einmal die Ziege wird satt. Sie träumen vom Schlaraffenland. Das würde ihnen so passen. Von einem Goldesel, einem immer gedecktem Tisch und so einer Wunderwaffe. Nein, diese Jugend!“, beklagte sich der Schneider.

„Was schimpfst du gegen die Jugend?“, beschwerte sich Rotkäppchen, die auf dem Weg zu ihrer Großmutter war. „Wir Jungen müssen doch ausziehen, das Fürchten zu lernen. Ich habe keine Angst mehr vorm bösen Wolf. Er ist längst mein bester Freund. Mit ihm kann ich…“ „Schweig still!“, rief der Froschkönig. „So weit kommt es noch im Märchenland. Rotkäppchen treibt sich mit dem Wolf herum.“ Rotkäppchen lachte schelmisch. „Was dagegen?“

„Frech, frech, ja das sind sie die jungen Leute“, müde und abgekämpft kam die Geißen Mutter mit dem Korb auf dem Rücken daher. „Glaubst du, dass sich die 7 Geißlein einmal das Futter selber holen? Nein, sie tanzen die ganze Nacht und sind dann zu müde. Was soll ich machen, das frage ich euch?“

„Höchste Zeit für die Generalversammlung. Heute Abend noch! Es ist eine ganz brisante, gefährliche Situation, in der wir uns hier im Märchenland befinden. Nichts ist mehr so, wie es sein sollte! Bitte schnell weitersagen: Schon heute Abend findet die große Vollversammlung statt!“

Alle gingen hurtig ihrer Wege und riefen nach allen Seiten: „Große Generalversammlung um 18 Uhr beim Brunnen des Froschkönigs.“

Am Abend polierte der Froschkönig seine Krone wie wild. „Altes Ding, kein Wunder, dass die Prinzessin nicht mehr an den Brunnen kommt. Wahrscheinlich hatte sie längst einen anderen.“

Schließlich versammelten sich alle Märchenfiguren um den Brunnen. Es wurde gescherzt, getuschelt.

„Was gibt es für ein wichtiges Thema, dass der Froschkönig so eilig eine Versammlung einberufen hat?“, fragten sich die meisten.

Die Bremer Stadtmusikanten spielten einen Tusch und dann war es still.

„Werte Bewohner des Märchenlandes. Es freut mich, dass ihr alle gekommen seid. Nicht einmal Rumpelstilzchen und die Hexe haben darauf vergessen.“ Alle sahen die beiden an und lachten. Rumpelstilzchen stampfte hütend mit den Füssen. Die Hexe hielt ihren Hexenstab in die Höhe und drohte allen mit ihren krummen Fingern.

„In unserem Land ist nichts mehr wie es einmal war. Und ich muss euch mitteilen, unser Märchenland hat jegliche Bedeutung verloren. Kein Wunder. Schaut euch doch an:

Die Riesen des tapferen Schneiderleins wollen nicht mehr streiten, sie gehen lieber auf ein Bier oder zwei. Die 13. Fee von Dornröschen ist gestorben. Sie hat sich an den Dornen vergiftet. Der alten Frau Holle fallen sämtliche Decken und Pölster aus dem Fenster, weil sie kein Personal mehr bekommt. Rapunzel hat sich die Haare schneiden lassen, weil das jetzt so Mode ist. Der Hase und der Igel laufen beim Linz Marathon mit. Hans im Glück lässt sich aus seinem Goldklumpen Ringe machen und will jede Frau heiraten, die ihm in den Weg kommt. König Drosselbart hat sich einer Schönheits-OP unterzogen. Ich könnte diese Liste noch endlos fortsetzen.“

Der Froschkönig schwieg bedrückt. Viele schauten betroffen vor sich hin.

„Schaut euch doch an!“, sagte er streng. „Es war einmal…..!“

„Wir müssen doch mit der Zeit gehen!“, riefen die sieben Geißlein. „Ja, genau“, pflichtete ihnen Rotkäppchen bei. „100 Jahr schlafen, wenn interessiert das?“, brachte sich Dornröschen ein.

„Aber so geht es auch nicht mehr weiter“, verteidigte sich der Froschkönig. „Kein Kind, kein Mensch, liest mehr Märchen.“

Bestürzung machte sich breit. „Das wollten wir aber nicht“, gestanden die Jungen reumütig.

„Wenn es so weiter geht, gibt es uns bald überhaupt nicht mehr!“

„Machen wir doch eine Gruppenarbeit und suchen wir gemeinsam nach Lösungen“, schlug die kluge Else vor. Alle waren von dem Vorschlag begeistert.

Nach einer Stunde Beratung wurden die Ergebnisse vorgetragen. Die Alten ließen verlauten: „Die Jungen müssen wieder sittsam leben und sich an die alten Ordnungen halten, die schon hunderte Jahre gelten. Es war einmal…..“

„Wir Jungen? Und was macht ihr Alten?“, wollten die Aufmüpfigen wissen. Der Froschkönig beruhigte alle und lud auch die Jungen ein, ihre Vorschläge darzureichen.

„Wir müssen Werbung für uns machen“, sprach Bruder Lustig keck. „Werbung?“, fragten die Alten nach. „Was ist das?“ „Eine Homepage gestalten, auf Facebook und Twitter jeden Tag posten.“

Die Alten kannten sich leider mit diesen Begriffen überhaupt nicht aus. Es wurde heftig gestritten und diskutiert. Schließlich rief der Froschkönig zur Abstimmung auf.

„Wer ist für Vorschlag eins: Die Jungen müssen wieder, wie es einmal war, sein? Bitte erheben.“ Die Alten standen auf. Rumpelstilzchen und die Hexe sahen verwirrt in die Runde.

„Der zweite Vorschlag mit diesen neumodernem Zeug, wer ist dafür?“ Die Jungen sprangen begeistert auf und machten gewaltig Krach.

Plötzlich trat das kluge Schneiderlein vor: „Ich bin für ein salomonisches Abkommen: Einen Tag, es war einmal…. Und einen Tag, na das da….Was haltet ihr davon?“ Es wurde wieder heftig debattiert. Schließlich bat der Froschkönig die Bremer Stadtmusikanten um eine Fanfare und verkündete feierlich:

„Mein Urteil steht fest: Alle Anwesenden lesen sich ihr Märchen wieder einmal ganz genau durch. Vielleicht können die Jungen unsere Rollen etwas aufpolieren, ebenso meine Krone. Werbung machen für Märchen finde ich famos. Wir brauchen junge Zuhörerschaft. Die sind uns damit sicher.

Dann können wir Älteren wieder im „es war einmal“ schwelgen und die Jungen in die Verantwortung hineinwachsen. Die Versammlung ist geschlossen.“

„Das ist alles?“, fragte Doktor Allwissend nach. „Ja, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…..“

Zwischen den Zeiten 

Gertrud sah sie mit großen Augen an. Verloren der Blick. Hilfesuchend im Nirgendwo. "Was für ein Tag ist heute?" "Sonntag", antwortete Eva.

"Heute ist Sonntag?", fragte Gertrud gedankenversunken nach. "Ja, heute ist Sonntag. Wollen Sie in Kirche gehen?"

"Ich dachte heute ist Dienstag." "Nein, heute ist Sonntag."

"Das ich schon alles vergesse. Was ist heute für ein Tag?" "Sonntag, wollen Sie Kirche gehen? Dann müssen wir uns fertig machen, sonst kommen zu spät."

Gertrud blickte sich um. Sie kramte in ihren Erinnerungen.

"Heute ist Sonntag?" "Ja, Sonntag."

"Wenn heute Sonntag ist, dann müssen wir ja in die Kirche gehen."

"Wollen Sie Kirche gehen?" "Freilich, am Sonntag muss man in die Kirche gehen. Ich bin immer in die Kirche gegangen. Zuerst in den Stall und dann in die Kirche. Am Sonntag musste ich immer früh aufstehen."

Eva legte die Kleider aus dem Schrank und half Gertrud beim Anziehen.

"Gehört das mir?", fragte Gertrud, die Bluse in der Hand. "Ja, das Ihre Bluse."

"Nein, so eine habe ich nie gehabt. Die hat mir irgendwer in den Kasten gehängt." "Frau Gertrud, das Ihre Bluse. Ich helfe Ihnen anziehen."

Gertrud schlüpfte mit leeren Augen in die Bluse. "Die gehört mir nicht. Wahrscheinlich hat Klara sie einfach hineingehängt. Aber die gehört mir sicher nicht."

Willenlos ließ sich Gertrud weiter ankleiden. Schüttelte immer wieder den Kopf. Besah sich von oben bis unten, geistesabwesend.

"Wieviel Uhr ist es?" fragte Gertrud ihre Helferin. "Sie haben schöne Uhr, schauen Sie einmal." "Ist es acht Uhr?" "Ja, acht Uhr."

"Dann muss ich doch bald schlafen gehen." "Nein, nicht schlafen gehen." "Ich kenne mich jetzt nicht mehr aus. Ist jetzt Abend oder Morgen?"

"Es ist Morgen und wir wollten Kirche gehen." "Ist heute Sonntag?" "Ja, heute Sonntag und Sonntag gehen wir immer Kirche."

"Aber ich habe heute überhaupt noch nichts zum Essen bekommen." "Doch Sie haben Frühstück gegessen." "Ist jetzt in der Früh, nicht Abend?" "Es ist Morgen." "Ich habe schon gefrühstückt?" "Ja, Sie haben."

"Gehen wir dann in die Kirche?" "Ja, wir können jetzt Kirche gehen."

Gertrud blickte suchend um sich. Wo befindest sie sich? Das ist nicht ihr Zimmer......

 

 Der Sehsucht folgen

Ihre Gedanken wanderten immer wieder in dieselbe Richtung, ob sie wollte oder nicht. Aus ihrem gewohnten Rhythmus hatte es sie geworfen, aus der Bahn und nun versuchte sie verzweifelt wieder zurück ins Dasein zu finden.

Wie in einem Gefängnis kam sie sich vor, festgehalten in diesen Erinnerungen und Bildern. Wollte ihnen entkommen und schaffte es nicht. Wusste wohl, dass dieser Teufelskreis zu durchbrechen war, bevor Schaden an ihrer Seele entstand. So konnte es doch nicht weitergehen. Behindert im klaren Gedankenfassen, eingeengt in ein Korsett aus alten Gedankenfetzen.

Da war dieser Abend, der diese Sehnsucht auslöste. Unerwartet und sehr offen traf er sie. Ihre Mauern, Zäune und Grenzen, die sie sonst so eifrig aufstellte, fehlten. Es waren ihm Tür und Tor geöffnet. Er hatte die Chance wahrgenommen - sie es zugelassen. Aber was war es, das sie so gefangen hielt, wenn sie an diesen Abend zurückdachte? Schmeichelte er ihrer Eitelkeit, war das nur Futter für ihr Ego? Seine Aufmerksamkeit war Bestätigung für sie als Frau. Das verbotene erotische Spiel, das sich im Laufe des Abends zwischen ihnen entwickelte, steigerte ihr Selbstbewusstsein.

Sie beunderte verwegene Männer. Diese Kühnheit faszinierte sie, dieser Hauch von Anrüchigkeit. Dieser Mann wollte nur das Eine, ganz einfach. Hielt sie damit in Atem, er artikulierte es offen und nahm sie damit gefangen. Sie war an seinen Lippen gehangen. Er hatte nicht locker gelassen. Hatte ihr immer wieder kühne Bilder angeboten, unter denen sie zu schmelzen begann. Konnte sie dieser Versuchung widerstehen? Ihr Zögern enthielt das wenige an Achtung, das sie vor sich selber hatte und die Angst vor Verletzung ihres Partners. Konnte sie das Ausleben dieses Abenteuers von ihrem normalen Leben abtrennen?

Die Lust war im ganzen Körper zu spüren. Das Prickeln gab es also noch in ihr, das Feuer. All das rief er immer wieder hervor, schon deshalb, weil sie ihre Gedanken nicht zügeln konnte. Wollte sie auf die Erfüllung wirklich verzichten, oder riskierte sie ein Zuviel und setzte auf die falsche Karte?

Brauchte sie diese Phantasien, damit wieder Leidenschaft in ihrem Leben war? Nahm sie sich nicht etwas weg, wenn sie sich von diesen Gedanken zu befreien versuchte, zu ihrem eintönigen Alltag einfach zurück kehrte? War diese Versuchung das, was ihr Leben mit Glut versorgte, ihre Tage berauschte?

In diesen Bildern zu schwelgen schadete niemanden, warum sollte sie diese zurückweisen? Der Verstand ließ die Alarmglocken schrillen. Wenn sie sich diesem Werben hingab, dann war ein Damm geborchen, der sie bisher geschützt hatte. Würde sie ihn wieder reparieren können?

Ist die Sehnsucht nicht eine Sucht, die durch ihre Erfüllung zerstört, ernüchtert wird? Hinter der Sehnsucht zurück bleibt, neuem Sehnen Platz macht? Macht Sehnsucht süchtig nach dem Sehnen?                                                                  

 

Das geht mir am A..... vorbei

Sie stand in ihrem begehbaren Schrank. Die Auswahl war enorm. Luise, im Bademantel, ließ ihre Augen über ihre Kleiderfülle gleiten. Ein Kleid? Oder lieber eine Hose? Nein, sie wollte sich als Frau präsentieren. Also Kleid oder Rock. Sie nahm die Kleider samt Bügel und hielt sie an ihren Körper. Wer hatte ihr dieses Kleid geschenkt?

Das Treffen war für sie lebensnotwendig. Sie musste schick angezogen sein. Entschied sich für einen roten Rock. Welche Bluse, oder doch lieber ein T-Shirt? Immer diese Entscheidungen. Sie nahm wieder eine Bluse nach der anderen von der Stange. Die eine war zu durchsichtig. Die andere zu groß gemustert. Seriös wollte sie erscheinen, aber nicht zu brav. Eine Seidenbluse, die ihren Körper sanft umspielte? Ja, die war perfekt.

Jetzt fehlte nur noch Schuhe und Handtasche. Luise ging zum Schuhschrank. Gehörten all diese Schuhe tatsächlich ihr? Wie hoch sollten die Absätze sein? Zu flach auf keinem Fall. Wo waren die Handtaschen? Sie fand ihre Lieblingstasche unter einem Berg Tücher. Handtasche und Schuhe im gleichen Ton, selbstverständlich.

Und nun schminken. Luise trug das Makeup sorgsam auf. Immer wieder überprüfte sie, ob der Lidschatten in Grün ihre Augen tatsächlich betonte. Wimperntusche wurde in drei Durchgängen aufgetragen. In ihrem Alter war etwas mehr Rouge erlaubt. Die Schminke sollte ihre Vorzüge hervorheben, aber heute durfte sie ein wenig übertreiben. Die dünnen Lippen wurden in ein kräftiges Rot getaucht. Immer wieder drückte sie ein Tuch zwischen ihre Lippen. Die Frisur saß noch akzeptabel. Sie hüllte sich in eine Parfümwolke.Perfekt!

In einer viertel Stunde musste sie in der Bank sein. Ihr blieben nur mehr fünf Minuten für die Fahrt. Ab ins Auto. Wo waren die Autoschlüssel? Sie rief sich ein Taxi.

"Ich habe um 15 Uhr einen Termin", flötete Luise der Sekretärin zu. "Wie ist ihr Name?", fragte die Angestellte zaghaft. "Luise Neumüller, Sie dummes Ding!" "Liebe Frau Neumüller, Sie haben keinen Termin in unserer Bank. Es tut mir leid. Der Leiter hat heute einen Auswärtstermin. Bitte kommen Sie morgen noch einmal."

"Sie, das geht mir am A.... vorbei, ob der heute da ist oder nicht", schrie Luise. "Ich brauche die 1000 Euro sofort, sonst verlässt mich mein Mann. Noch hat er nicht bemerkt, dass ich das Geld aus seiner Brieftasche genommen habe. Ich musste diese Schuhe unbedingt haben. Her mit dem Geld oder ich schreie!"

Einige Angestellte kamen aus ihren Büros. Der Bankleiter stürmte auf Luise zu und legte ihr beruhigend seinen Arm auf die Schulter. "Mutter, hast du deine Medikamente wieder nicht genommen?"                                                                           

 

Zwei Frauen im Kaffeehaus

"Endlich haben wir wieder einmal Zeit in Ruhe miteinander zu reden."

"Ja, wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen."

"Endlich keine unaufgeräumte Küche im Hintergund."

"Genau, nichts zum Putzen und Abstauben."

"Dir bleibt doch auch die ganze Hausarbeit, oder?"

"Ja, der Martin hat zwei linke Hände. Und seine Mutter hat ihm nicht einmal das Staubsaugen gelernt. Geschweige denn abstauben oder Geschirr abwaschen."

"Und kochen tut er auch nicht, stimmst?"

"Wo denkst du hin. Grillen im Sommer. Aber da muss ich auch alles richten und er ist dann der Starkoch. Höchstens einmal den Geschirrspüler einräumen."

"Aber da räumt er eh alles so umständlich ein, dass du sowieso wieder alles umräume musst, stimmts?"

"Genau so ist es! Geht deiner mit dir einkaufen?"

"Einkaufen? Erinnere mich nicht an unseren letzten gemeinsamen Einkauf. Der Simon braucht unbedingt eine neue Jean!"

"Stimmts, er nimmt die erst beste! Am liebsten ohne probieren. Auf den Preis schaut er so wie so nicht."

"Ist der Martin auch so. Im erst besten Geschäft."

"Ein Wahnsinn diese Männer. Ich habe es ihm nicht erlaubt, dass er gleich die erste nimmt. Er hatte sie allerdings probiert, das muss ich sagen. Aber wie will er wissen, ob es nicht im nächsten Geschäft eine gibt, die ihm viel besser passt, die günstiger ist?"

"Schrecklich diese Männer. Nein, ich gehe viel lieber alleine einkaufen!"

"Ich auch! Komme ich heim, mit meinem Einkauf, will ich meine Sachen zeigen, über die ich mich so freue. Was macht er? Er schaut nicht einmal von seinem Handy auf, wenn ich sie ihm zeige!"

"Meiner auch. Das blöde Handy! Ist er endlich von der Arbeit zu Hause. Drückt er nur an seinem Handy herum."

"Ja und spricht kein Wort. Wenn ich mich beschwere, sagt er: Das nur noch schnell."

"Und das Fernsehen!"

"Ja genau Fernsehen. ER ist der Chef der Fernbedienung. Entweder Krimi oder Fußball!"

"Exakt! Dabei spielen sie eh so selten einen Liebesfilm. Die Pilcher Filme sind doch so schön. So unkomplizierte Liebesgeschichten. So schöne Naturaufnahmen. Was sagt Martin dazu? Da weiß man von vorneherein wer am Schluss wen bekommt. Und natürlich muss er mir das auch gleich mitteilen."

"Genau! Aber letzte Mal habe ich dem Simon auch gesagt: Ich weiß, wer der Mörder ist! Da war er angebissen.!

"Wenn ich uns so reden höre, sollten wir nicht doch eine Frauen WG gründen?"

"Wäre eine super Idee. Aber ehrlich. So ganz ohne Männer wäre das Leben auch fad. Irgendwie sind sie doch das Salz in der Suppe."

"Ja, aber manchmal ist die Suppe leider auch etwas versalzen!"

 

Das Ende?

Da lag er nun. Frisch operiertes Bein. Einzelzimmer. Er wollte noch rasch etwas aus dem Auto holen, war auf dem Eis ausgerutscht. Knöchelbruch. Für sechs Wochen fiel er in der Firma aus. War kein schlimmer Gedanke. Er war dort ständig unter Druck. Immer mehr leisten, immer mehr Stunden, ganz selbstverständlich. Die Jungen verausgabten sich, wollten die Karriereleiter schnell hoch steigen, viel verdienen. Und er?

Ja, das wollte er auch einmal. Er hatte eine Frau, zwei Kinder. Sie wollten ein eigenes Haus. Die Schulden so schnell als möglich abbezahlen. Oft kam er erst nach Hause, wenn die Kinder schon schliefen. Gudrun grantig, weil sie mit den Kindern allein zu Recht kommen musste.

Warum war ich so besessen von den Rückzahlungen? Ich war eingezwängt zwischen Familie und Firma. Der Chef forderte immer mehr und ich gab, kam ihm in den Sinn. An den Wochenenden versuchte ich ein guter Vater zu sein. Aber eigentlich wollte ich nur schlafen und meine Ruhe haben. Gudrun wollte etwas unternehmen. Immer öfter kriegten wir uns in die Haare.

Und heute? Liege ich alleine im Krankenhaus. Gudrun ist mit den Kindern im Haus geblieben. Ich verdiene gut, aber was habe ich davon? Die Kinder sehe ich alle zwei Wochen am Wochenende. Ich hätte sie so gern immer um mich. Wir telefonieren jeden Tag miteinander. Die Kinder kommen auch mit Freude zu mir.

Was ist aus meinem Traum, einer heilen Familie, einem großen Haus mit Garten, geworden?

Damals, als wir noch alle zusammen lebten, fühlte ich mich erdrückt von den Anforderungen, die von allen Seiten auf mich zukamen. Heute finde ich mein Leben oft sinnlos.

Sicher, die Kinder würden mich vermissen, ich sie auch. Gudrun hat wieder einen Neuen. Ich zahle meine Alimente, versuche die Wünsche meiner Kinder zu erfüllen. Ob sie auch noch zu mir kommen wollen, wenn sie erwachsen sind?

Eine neue Frau? In meinem Alter? Schwierig. Alle haben sie einen Rucksack mit. Eine Affäre, ja. Aber die ist meist anstrengend.

Jetzt hatte er sechs Wochen Zeit zum Nachdenken. Er würde alleine zu Hause zurechtkommen. Das Wort "alleine" schnürte ihm die Kehle zu. Das war doch nicht sein Lebenstraum!

 

Peter und ein Stern

„Das ewige Warten auf Weihnachten. Das ist soooo fad und öd!“, schreit Peter und haut mit der Faust auf seinen Schreibtisch. Er ist alleine zu Hause, Mama ist beim Zahnarzt. Ursula, seine Schwester, bei einer Freundin und Papa kommt sowieso erst zum Abendessen.

Er wollte heute mit Mama Kekse backen, aber die hat natürlich keine Zeit. Stefan, sein Freund muss zu Hause bleiben, weil er für die Schule lernen muss. Und ihm ist einfach nur fad!


Schön langsam wird es finster draußen. Peter weiß nicht, was er spielen soll. Gelangweilt stützt er sich mit beiden Armen auf das Fensterbrett. Der erste Stern setzt sich an den Himmel.

Fasziniert sieht Peter, wie er immer heller wird.

„Du hast es gut“, sagt Peter zu dem Stern. „Du kannst die ganze Welt von oben bestaunen. Ich muss hier in meinem Zimmer sitzen und mir ist sooo fad.“ Plötzlich spricht der Stern zu ihm. „Warum ist dir so fad?“, fragt er. „Ich sehe ganz viel Spielzeug in deinem Zimmer.“
„Spielen freut mich nicht. Immer diese Warterei“, beklagt sich Peter.
„Auf was wartest du?“, fragt der Stern. „Auf Mama, auf Ursula, auf Papa. Immer muss ich warten.“ „Immer?“

„Ja immer. Auf Weihnachten.“
„Wäre dir lieber Weihnachten wäre schon da?“ „Ja!“, ruft Peter, „dann hätte ich all die Sachen, die ich mir wünsche schon. Ich könnte spielen und mir wäre nicht so fad!“ „Aber morgen wären dann die Geschenke auch ausprobiert und dir wäre wieder fad, oder?“, fragt der Stern neugierig.

Peter denkt nach.
„Du hast recht“, gesteht Peter. „Aber was soll ich machen, wenn ich diese Warterei satt habe?“ „Du könntest dir etwas Lustiges oder eine Überraschung ausdenken?“
„Eine Überraschung? Meinst du für das Christkind?“ „Oder?“, fragt der Stern zurück.
„Meine Eltern, meine Schwester, meinst du die?“ „Zum Beispiel.“, antwortet der Stern.
„Meinst du jetzt, sofort oder später?“

Der Stern schweigt.
Peter springt auf und reißt seine Arme in die Höhe. „Ich hab`s. Ich bereite schon das Abendessen vor. Da werden sich alle drei freuen und werden staunen.“ „Gute Idee“, lächelt der Stern. „Danke kleiner Stern. Bist du morgen auch wieder da?“ „Ja, du kannst mich jeden Tag besuchen.“ „Das mache ich. Mit dir kann ich so gut reden und du hast so gute Ideen. Jetzt muss ich aber in die Küche, sonst bin ich nicht fertig, bevor sie alle kommen“, lacht Peter. „Tschüss!“ „Tschüss kleiner Freund!“, ruft der Stern und strahlt so hell er kann.